Stolpersteine in Lindenau

Stolpern über die Erinnerung

Seit April 2006 erinnern in Leipzig so genannte „Stolpersteine“ an verschiedenen Orten an ehemalige Bewohner der Stadt, die vom Nazi-Regime verfolgt wurden und die schließlich zu Tode gekommen sind. Über die einzelnen Biographien und "Schicksale" dieser Leipziger Bürger können Sie sich hier informieren.

Die Steine verlegte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte bereits in vielen Städten betreut. Er fertigte dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein.
In die Messingtafel des Steins wurden die Worte "Hier wohnte" und darunter Name, Jahrgang und "Schicksal" der betreffenden Person eingestanzt. Solcherart unauslöschlich gemacht, erinnert die Schrift dauerhaft an Verfolgte des Nazi-Regimes, die z. B. aufgrund ihrer Herkunft, Konfession, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung ihr Leben verloren.

In Lindenau liegen bisher an den 13 folgenden Orten insgesamt 17 sogenannte "Stolpersteine":


Endersstraße 3

Laura und Leon Kohs

Leon Kohs wurde am 21.12.1871 in Brzesko geboren. Im Jahr 1899 heiratete er die acht Jahre jüngere Laura Tigner. Sie wurde am 25.5.1880 in Krakau geboren und entstammte einer erfolgreichen Kaufmannsfamilie. Mit drei Kindern (Josef – geb. 1900, Regina – geb.1901, Salomea – geb. 1904) kam die Familie 1907 nach Leipzig, um eine Filiale des Tignerschen Pelzhandels zu eröffnen. Hier wurde 1908 die jüngste Tochter Frida geboren.

In den 1920er Jahren verheirateten sich die drei älteren Kinder mit Mitgliedern der Familie Fischel, die aus Polen stammte: 1923 Regina und Willy Fischel, 1924 Salomea (Selly) und Willys Bruder Moritz (später Max), 1926 Josef und die jüngere Schwester der Fischel-Brüder, Dora (siehe Stolpersteine Uhlandstr. 8). Innerhalb von kaum drei Jahren wurden den drei Paaren drei Söhne geboren.

Kurz vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten äußerte Laura Kohs eine dunkle Vorahnung, wie sich der in den USA lebende Enkel Henry Fishel im Jahre 2015 erinnert: „Wenn Hitler kommt, wird es nicht gut sein für die Juden.“

Leon Kohs besaß einen Altwarenladen in der Odermannstraße 4 in Leipzig-Lindenau, der ein bescheidenes Einkommen ermöglichte. Durch die Abschiebung nach Polen verloren er und seine Familie jeglichen Besitz.

In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 wurden polnische Juden in ganz Deutschland trotz gültiger Papiere von der Polizei des Landes verwiesen. Dieser Maßnahme der deutschen Behörden - bekannt als „Polenaktion“ - ging ein Erlass der polnischen Regierung voraus, der festlegte, dass alle im Ausland wohnenden polnischen Staatsbürger, die größtenteils Juden waren, sich innerhalb von zwei Wochen von den örtlichen polnischen Konsulaten einen Prüfvermerk in den Pass stempeln zu lassen hatten. Die Androhung, andernfalls würden sie ihre polnische Staatsbürgerschaft verlieren, löste eine diplomatische Krise zwischen Deutschland und Polen aus. Am 26. Oktober 1938 warnte der deutsche Botschafter in Polen, dass tausende polnische Staatsbürger aus Deutschland ausgewiesen würden, sollte die polnische Regierung das Dekret nicht zurück nehmen. Da sich die polnische Regierung widersetzte bzw. die deutschen Drohungen nicht ernst nahm, ordnete der Reichsführer SS Heinrich Himmler an, dass alle polnischen Staatsbürger unverzüglich in Gruppentransporten über die deutsch - polnische Grenze abzuschieben seien.

Aus Josef Kohs Nachkriegsaufzeichnungen entsteht ein Bild vom Grauen jener Tage:

„Es war am 28. Oktober 1938, an einem Freitag, als ich schon 6Uhr früh ein starkes Klopfen an meiner Tür vernahm. Ich öffnete die Tür und blickte auf zwei Polizisten, die mir mit Taschenlampen ins Gesicht leuchteten... Wir seien ausgewiesen. Unser Zug stehe schon bereit.“

Die verzweifelten Menschen wurden zu bereitstehenden Zügen gebracht und zur Grenze gefahren. In Beuthen wurden sie mit Waffengewalt über die Grenze getrieben. Wie viele andere irrte die Familie Kohs-Fischel durch verschiedene polnische Städte. Von der weitverzweigten Familie konnten sich nur wenige retten.

Laura und Leon Kohs fanden in Dabrowa bei Tarnow Unterkunft bei Verwandten. Hier fanden regelrechte Massenerschießungen statt. Wer nicht erschossen wurde, wurde in das Vernichtungslager Belzec deportiert.

Vermutlich im Juli 1942 wurden Laura (62 Jahre) und Leon Kohs (70 Jahre) ermordet.

Quellen/Literatur/Weblinks:
Dr. Uta Larkey: Eine Familiengeschichte – Polnische Juden in Leipzig (unveröffentlicht)
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=307



Erich-Köhn-Straße 76

Arno Jörg König

Arno Jörg König wurde am 12.05.1937 in Leipzig-Connewitz geboren. Am 04.03.1941 wurde der kleine Junge auf Grund seiner geistigen Behinderung in die „Kinderfachabteilung“ des Krankenhauses Leipzig-Dösen eingewiesen.

Die sogenannte „Kinderfachabteilungen“ in der „Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen“ wurde 1940 eingerichtet. Sie gehörte zu einer Vielzahl von Tarneinrichtungen zur systematischen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ entsprechend der nationalsozialistischen Rassenideologie. Die Eltern der Kinder wurden getäuscht und meist wussten sie nicht, was mit ihren Kindern geschah. In Leipzig-Dösen wurde auch eins der Tötungsverfahren entwickelt, durch das viele Kinder ermordet wurden. Das gängige Schlafmittel „Luminal“ wurde in steigender Dosierung injiziert. Im Zusammenspiel mit einer systematischen Unterernährung führte dies innerhalb weniger Tage zum Tod. Gleichzeitig konnte eine natürliche Todesursache vorgetäuscht werden. In Dösen wurden auf diese Art und Weise über 500 Kinder ermordet.

Arno Jörg König (4 Jahre) wurde am 14.05.1941 ermordet. Als amtliche Todesursache wurde "Idiotie und Darmkatarr" angegeben.

Quellen/Literatur/Weblinks:
Berit Lahm, Thomas Seyde, Eberhard Ulm: 505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig – Verantwortung und Rezeption, Leipzig, 2008
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=284



Georg-Schwarz-Straße 24

Georg Schwarz

Georg Schwarz war sozialdemokratischer, später kommunistischer Politiker und beteiligte sich in Leipzig aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Er wohnte in der Gundorfer Straße, die im August 1945 in Georg-Schwarz-Straße umbenannt wurde. Das Stadion der BSG Chemie Leipzig (der Verein hieß zu diesem Zeitpunkt noch SG Leutzsch) erhielt 1949 den Namen Georg-Schwarz-Sportpark.

Georg Schwarz, geboren am 27.3.1896 in Zwenkau, erlernte den Bäckerberuf und nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Von der Front kam er als Kriegsgegner zurück und begann sich nach dem Ende des Krieges zunehmend politisch zu engagieren. Im Jahr 1918 trat er zunächst der SPD bei, im Jahr darauf wechselte er zur USPD. 1920 wurde er Mitglied der KPD.

In Leipzig arbeitete Georg Schwarz als Metallarbeiter in der Firma "Schumann & Co.", wo er als Betriebsratsmitglied nach einem Streik entlassen wurde. Ab 1921 war er in der Leutzscher Eisengießerei "Max Jahn" beschäftigt. Hier wirkte er nebenbei als Zellenleiter der KPD, Gewerkschaftsfunktionär und Betriebsratsvorsitzender. Im Jahr 1929 wurde Georg Schwarz als Abgeordneter der KPD in den Sächsischen Landtag gewählt. Zudem koordinierte er bis 1933 als Politischer Sekretär die kommunistische Parteiarbeit in den Bezirken Leipzig, Flöha und Zwenkau.

In direkter Folge der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Georg Schwarz in der Nacht vom 1. zum 2. März 1933 verhaftet und blieb bis 1934 in den Konzentrationslagern Hohnstein und Sachsenburg inhaftiert. Nach seiner Freilassung unterstützte er aktiv den illegalen Wiederaufbau der KPD-Organisationen in Leipzig und wirkte ab 1937/38 an deren Spitze mit.

Nachdem er 1942 Kriegsdienst absolvieren musste, schloss er sich 1943 der Widerstandsgruppe um Georg Schumann, der sogenannten Schumann-Engert-Kresse-Gruppe, an, welche im Leipziger Raum tätig war und als eine der größten kommunistischen Widerstandsgruppen galt. Zur Arbeit des Widerstands gehörte das Verteilen von Flugblättern und Verbreiten von Informationen. Schwarz arbeitete auch unter französischen Zwangsarbeitern in Espenhain, die er mit politischen Neuigkeiten versorgte. Ab März 1944 war er außerdem noch für kurze Zeit Mitherausgeber der illegal erscheinenden Zeitung Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft.

Im Juli 1944 wurde Georg Schwarz ebenso wie die meisten anderen Mitglieder der Gruppe verhaftet. Am 23. und 24. November verurteilte der Dresdner Volksgerichtshof die Widerstandskämpfer zum Tode. Die Urteile gegen Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse wurden am 11. Januar 1945 im Hof des Dresdner Landgerichts vollstreckt. Georg Schwarz (48 Jahre) wurde am 12. Januar 1945 gemeinsam mit William Zipperer, Arthur Hoffmann, Alfred Frank, Karl Jungbluth, Richard Lehmann, Wolfgang Heinze und anderen Widerstandskämpfern hingerichtet.

Recherche: Faninitiative „Bunte Kurve“

www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=223



Großmannstraße 9

Minna Milda Elsa Walther geb. Schmeißer

Milda Schmeißer wurde am 2. Januar 1885 in Markranstädt bei Leipzig geboren und war gelernte Kontoristin. Am 10. Juli 1909 heiratete sie den Schriftsetzer Richard August Walther (Jg. 1882), der am 9. April 1915 im Ersten Weltkrieg fiel. Kurz vor seinem Tod kaufte er noch das Haus in der Großmannstraße 9. Zusammen hatten die Eheleute eine Tochter, Doris Ilse (geb. 6. Dezember 1910). Diese heiratete später Ernst Haushälter.

Frau Walther wurde 1926 auf Grund psychischer Probleme arbeitsunfähig und erhielt eine Rente von der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte. Ein Gutachten von 1930 diagnostizierte „hallucinatorische Störungen, die ihr ganzes Seelenleben ergriffen haben“. Ihr Zustand verschlechterte sich in der Folgezeit immer mehr, so dass 1935 ihre Tochter mit ihrem Mann in die Großmannstraße zog, um die Hausgeschäfte zu führen und die Mutter unter gewisser Aufsicht zu halten.

Milda Walther befand sich immer wieder in stationärer Behandlung in der Heilanstalt Leipzig-Dösen, im Jahr 1943 sogar über mehrere Monate hinweg. Am 10. Januar 1944 wurde sie von Dösen in die Landesanstalt Großschweidnitz (Oberlausitz) überführt. Laut Anstaltsleitung starb Frau Walther am 21. März 1944 an einer „Kreislaufschwäche“.

Großschweidnitz war ein Zentrum der sogenannten „wilden Euthanasie“, die ab 1943 im ganzen Deutschen Reich stattfand. Als psychisch krank und geistig behindert angesehene Menschen wurden dabei durch Medikamentenüberdosierungen, Nahrungseinschränkungen, Unterkühlung (z. B. durch Liegen am offenen Fenster) und Demobilisierung ums Leben gebracht. Milda Walther wurde 59 Jahre alt.

Quellen/Literatur/Weblinks:
Familienunterlagen
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=265



Josephstraße 7

Der Stolperstein ist Bestandteil des "Gedenkortes Josephstraße 7" in Lindenau.

Ida Jetty Lotrowsky, geb. Jakubowitsch, kam am 13.03.1890 in Łódź zur Welt.
Sie heiratete am 17.03.1913 den gelernten Bäcker Aisik Lotrowsky aus Eger. Das Ehepaar lebte seit Anfang der 1930er Jahre in der Josephstraße 7 in Leipzig-Lindenau. Aus ihrer Ehe gingen die Kinder Josef Benjamin, geboren am 21.01.1915, gelernter Gärtner/Korbmacher, sowie Anna, geboren am 23.09.1920, hervor.

Karl und Ida Lotrowsky lebten ab Mitte der 1930er Jahre getrennt.

Ihr Sohn Benjamin wurde am 07.12.1939 ins KZ Sachsenhausen deportiert, wo er am 15.05.1940 starb.

Nach 1939 musste Ida Lotrowsky in eines der sogenannten „Judenhäuser“ in die Nordstraße 11 ziehen. Am 21.01.1942 wurde sie von dort nach Riga deportiert. Nach dem Vormarsch der Roten Armee wurde sie am 19.04.1944 ins KZ Stutthof verlegt. Hier kam sie mit 54 Jahren am 25.11.1944 ums Leben.

Pate: Gedenkort Josephstraße 7 e.V.

Quellen/Literatur/Weblinks:
www.gedenkort-josephstrasse.org
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=253



Karl-Ferlemann-Straße 16

Otto Engert

Otto Engert wurde am 24. Juli 1895 in Prößdorf bei Altenburg geboren. Er wächst in einer Bauernfamilie auf und erlernt den Beruf eines Zimmermanns. Im Jahr 1920 tritt er der Kommunistischen Partei Deutschlands – KPD bei und vertritt sie von 1924 bis 1928 im Thüringer Landtag. In dieser Zeit ist er auch Redakteur der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“. 1928 wird er aus der KPD ausgeschlossen. Nach 1933 lebt Engert in Leipzig in der Illegalität, wird aber im Frühsommer verhaftet und acht Monate in Konzentrationslagern festgehalten. Anfang 1934 nimmt er wieder Verbindung zur KPD auf und arbeitet später mit Georg Schumann und Kurt Kresse zusammen. Seit 1941 wird die Gruppe aktiver und kommt in Verbindung mit dem Widerstandskreis um Theodor Neubauer und Magnus Poser. Ende 1943 verstärken sich die Bemühungen kommunistischer Widerstandsgruppen, Unterstützung auch von nichtkommunistischer Seite zu bekommen. Deshalb betonen sie die Notwendigkeit, aus nationalen Gründen den Krieg zu beenden. Die von Georg Schumann und Otto Engert verfassten „Leitsätze“ sollen die „Plattform“ eines Kampfes gegen den Nationalsozialismus sein, der die überkommenen Grenzen zwischen politischen Gruppen und sozialen Schichten überwindet. Die „Plattform“ ist zunächst nicht dazu bestimmt als Flugblatt veröffentlicht zu werden, sondern dient innerhalb des Widerstandskreises um Schumann der Klärung eigener politischer Grundpositionen. Im Winter 1944 verfassen Schumann und Engert Flugblätter, mit denen sie zum „Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft“ auffordern. Darin knüpfen sie deutlich an die Hauptziele der „Plattform“ an und fordern eine überparteiliche Widerstandsbewegung.

Otto Engert (49 Jahre) wird im Juli 1944 festgenommen, am 12. November 1944 zum Tode verurteilt und am 11. Januar 1945 in Dresden ermordet.

Quellen/Literatur/Weblinks:
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=297



Kuhturmstraße 29

Elsa Knabe

Auch Menschen, die durch ihren Lebenswandel auffielen und dadurch nicht in den Anspruch der nationalsozialistischen Ideologie passten, wurden ermordet.

Elsa Knabe, geboren am 5.6.1910 in Leipzig, wurde 1937 als „Geistesschwache“ entmündigt, nachdem die städtische „Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke“ an den Staatsanwalt beim Landgericht geurteilt hatte, sie „bedarf der Entmündigung, weil sie ... zur Verwahrlosung neigt und sich unfähig gezeigt hat, einen geordneten Lebenswandel zu führen. Darüber hinaus wirkte sie wegen ihrer sexuellen Verwahrlosung und Haltlosigkeit ... für die öffentliche Volksgesundheit weitgehend gefährlich ... Sie ist selber für ihren Lebenswandel aufgrund ihrer Charaktereigenschaften uneinsichtig und würde gänzlich verwahrlosen, wenn sie sich selbst überlassen bliebe.“

Elsa Knabe wurde in die Städtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße eingewiesen. Anfang 1940 wurde ihre Akte an den „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ nach Berlin gegeben. Damit war sie in den Fängen des systematischen Mordens der Aktion T4.

Am 19.12.1940 wurde sie aus der Arbeitsanstalt in die Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß verlegt und am 10.2.1941 in die „Heilanstalt“ Pirna-Sonnenstein.

Am 22.2.1941 wurde sie im Alter von 31 Jahren ermordet. Die Grabkarte im Leipziger Friedhofsamt weist aus Tarnungsgründen Hartheim als Einäscherungsort aus.

Quellen/Literatur/Weblinks:
Christoph Buhl
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=206



Lindenauer Markt 8

Johannes Erich Palusczyk

Herr Palusczyk wurde am 2.6.1902 in Bautzen geboren. Er lebte mit seiner Familie in Leipzig-Lindenau. Im Jahre 1934 wurde Erich Palusczyk in die Landesheilanstalt Leipzig-Dösen eingeliefert, denn er fiel unter das Sterilisationsgesetz. Bis 1940 war er nur mit Unterbrechungen zuhause. Am 5.5.1940 wurde er nach Waldheim verlegt und am 3.7.1940 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Hier ist er (38 Jahre) wahrscheinlich noch am gleichen oder am nächsten Tag im Rahmen der Euthanasie ermordet worden.

Die genauen Tötungsdaten von Euthanasieopfern sind oft nicht genau festzustellen, da die Anstalten, um noch Geld von den Krankenkassen zu beziehen, den Todeszeitpunkt manipulierten.

So wurde auch der Familie Palusczyk am 23.7.1940, also fast 3 Wochen nach der Ermordung, noch „höflichst“ mitgeteilt, dass Erich Paluscyk mit unbekanntem Ziel weiterverlegt wurde.

Die Sterbeurkunde kam aus Grafeneck, wo Herr Paluscyk niemals war und weist das Sterbedatum 14.7.1940 aus.

Quellen/Literatur/Weblinks:
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=162



Lindenauer Markt 22

Familie Oelsner

Das Schicksal der Familie Oelsner erschließt sich bisher weitgehend nur aus der Sicht einer engen Freundin von Johanna Oelsner, geb. Schiftan. Frau Oelsner kam am 24.4.1871 in Oppeln, Schlesien, zur Welt. Ihr Mann, Richard Oelsner stammt ebenfalls aus Schlesien und wurde am 9.1.1871 in Breslau geboren. Die Freundschaft mit Anna Radestock (Jg. 1855) geht möglicherweise auf den gemeinsamen Geburtsort Oppeln zurück. Frau Radestock wohnte aber schon lange in Leipzig, als am 30.7.1903 Wilhelm Baruch Oelsner noch in Oppeln zur Welt kam. Wann die Familie nach Leipzig kam, ist unbekannt. Die Nachfahren von Anna Radestock berichteten, dass Frau Oelsner oft Gast des Hauses gewesen war. In Leipzig sollen Johanna und Richard Oelsner ein Wäschegeschäft betrieben haben.

Frau Oelsner erzählte, dass sie nachts aus ihrer Wohnung am Lindenauer Markt abgeholt wurden und in ein so genanntes Judenhaus in die Färberstraße einziehen mussten.

Richard Oelsner musste Zwangsarbeit in der Städtischen Arbeitsanstalt verrichten, sein Sohn im Gartenbau. Wilhelm Oelsner war mit einer Nicht-Jüdin verheiratet.

Das Ehepaar Oelsner wurde am 19.9.1942 nach Theresienstadt deportiert. Nachdem der Familie Leopold vor diesem Transport die Flucht gelang, gehörte Wilhelm Oelsner zu den sechs Geiseln, die am 11.11.1942 verhaftet worden sind. Am 16.1.1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und am 1.3.1943 im Alter von 39 Jahren ermordet.

Johanna Oelsner, 73 Jahre, kam am 10.12.1944 ums Leben, ihr Mann, 72 Jahre, am 10.5.1943.

Quellen/Literatur/Weblinks:
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=199



Lützner Straße 16b

Friedrich Max Krause

Friedrich Max Erich Krause wurde am 25. November 1905 geboren und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Hilfsarbeiten. Nachdem am 14. April 1943 gegen ihn Haftbefehl ergangen war, wurde er am 22. April 1943 von der Polizei zugeführt. Der Vorwurf lautete „Sittenverletzung“.

Friedrich Krause wurde polizeiliche Überwachung bzw. Vorbeugehaft angedroht. Er gab zwei homosexuelle Kontakte zu. Am 10. Juli 1943 wurde er gemeinsam mit sechs weiteren Männern der „widernatürliche[n] Unzucht“ durch das Landgericht Leipzig angeklagt. Krauses eigene Aussagen wurden dabei als Beweismittel gegen ihn verwendet. Krause räumte ein, mit einem der Mitangeklagten 1932 ein Verhältnis gehabt zu haben. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten. Während seiner Haft im Zuchthaus Bautzen starb Friedrich Krause 1944 im Alter von 38 Jahren.

Recherchen: Kerstin Kollecker im Auftrag der Stadt Leipzig, Referat für Gleichstellung für Frau und Mann

Quellen/Literatur/Weblinks:
www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=270



Paul-Küstner-Straße 14

Paul Küstner

Paul Küstner wurde am 22.7.1896 in Giebichenstein (Halle) geboren. Er besuchte ab 1902 die Volksschule und dann die Thomasschule. 1911 schloss er sich der Wandervogelbewegung an. 1914 meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. An der Westfront stationiert, geriet er in englische Kriegsgefangenschaft und verbrachte drei Jahre auf der Insel Jersey. Nachdem er mit dem Ende des Krieges in die Schweiz kam und in Davos sein Abitur ablegen konnte, kehrte er 1919 nach Leipzig zurück. Er begann ein Studium als Diplom-Volkswirt an der Universität. 1922 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Er arbeitete in einer „staatlich anerkannten Lehranstalt für landwirtschaftliche Geschäfts- und Buchführung“. 1932 zog er in die damalige Ottostraße nach Leipzig –Lindenau.

1936 heiratete er Irmgard Dressler. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Zu dieser Zeit unterhielt er illegale Kontakte zum politischen Widerstand gegen das NS-Regime (u.a. mit Richard Lehmann, den er seit Anfang der 1920er Jahren kannte). Über ihn liefen Kontakte zur Exilleitung der KPD in Prag. Weiterhin war er 1935/36 in der „Roten Hilfe“ aktiv und unterstütze die Angehörigen von politischen Gefangenen.

Während des Krieges war Paul Küstner Mitglied in einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Leipzig. Er beteiligte sich an der Herstellung von Flugblättern.

Im Rahmen der umfangreichen Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20.7.1944 („Aktion Gitter“) wurde auch Paul Küstner am 5.8.1944 verhaftet. Zu dieser Zeit war er Wehrmachtsangehöriger. Er wurde aus der Wehrmacht entlassen und der Gestapo übergeben. Paul Küstner musste geahnt haben, was das bedeutet und was ihn erwartet. Am 4.9.1944 verfasste er einen Abschiedsbrief an seine Frau: „Für mich ist bald alles vorbei, wenngleich mir noch schreckliches bevorsteht, aber ich will es ertragen, so tapfer ich kann bis zum Ende.“

Gegen ihn wurde nun wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ ermittelt. Zu einem Prozess kam es nicht mehr, was die Hoffnungen auf Überleben in der Leipziger Untersuchungshaft schürte. Doch sieben Tage vor der Befreiung der Stadt durch die US-Armee verübte die Leipziger Gestapo ein letztes Massaker. Am 12. April 1945 gehörte Paul Küstner (48 Jahre) zu jenen 52 Gefangenen, die auf dem Truppenübungsplatz Lindenthal erschossen und in einem Bombentrichter verscharrt wurden.

Quellen/Literatur/Weblinks:
- Dr. Dieter Kürschner: Was sich hinter Leipziger Straßennamen verbirgt: Paul-Küstner-Straße. In: Leipzigs Neue, 24.8.2007
- Carsten Vogt: Kommunistischer Widerstand in Leipzig, wiss. Arbeit, Universität Leipzig, 2001
- Familienunterlagen
- www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=283



Uhlandstraße 8

Dora Kohs und Sohn Michael

Dora Fischel wurde am 3.10.1901 in Bendzin (Będzin ) geboren. Sie gehört zu der weitverzweigten und über hundert Verwandte zählenden Großfamilie Kohs-Fischel (siehe Stolpersteine Endersstr. 3). Im Jahre 1926 heiratete sie Josef Kohs und lebte seitdem in Leipzig. Am 29.10. 1927 wurde ihr Sohn Heinz Dieter, genannt Heini, geboren.

Josefs Schwester Selly (Salomea) wohnte mit ihrer Familie bereits in der Uhlandstraße 2b (später 8). Da die Miete für die 8-Zimmer-Wohnung zu hoch war, zogen Dora und Josef Kohs im April 1933 mit in die große Wohnung und beteiligten sich an der Miete. Josef arbeitete als Buchhalter in dem von seinen Schwagern 1932 gegründeten Herrenkonfektionsgeschäft Fischel&Co in der Georg-Schwarz-Strasse 7. Mitte der 1930er Jahre ging er einer eigenen Geschäftsidee nach, die ihn und seine Familie kurzzeitig nach Polen führte. Da aber die geplante Seifenfabrik in Będzin, wo die Familie seiner Frau Dora herkam, nicht von Erfolg gekrönt war, kehrte die Kohs Familie wieder nach Leipzig zurück. Dort kam dann ihr zweiter Sohn, Michael, am 22.Mai 1936 zur Welt.

Aufgrund ihrer polnischen Staatsangehörigkeit wurde die junge Familie, wie viele andere polnische Juden am 28. Oktober 1938 nach Beuthen deportiert und dann mit Waffengewalt über die Grenze gejagt.

Josef Kohs schreibt in seinen Nachkriegsaufzeichnungen:

„Es war am 28. Oktober 1938, an einem Freitag, als ich schon 6 Uhr früh ein starkes Klopfen an meiner Tür vernahm. Ich öffnete die Tür und blickte auf zwei Polizisten, die mir mit Taschenlampen ins Gesicht leuchteten... Wir seien ausgewiesen. Unser Zug stehe schon bereit.“

Die Familie verschlägt es mit den Eltern Kohs zu Verwandten nach Dabrowa bei Tarnow. Zwei Monate nach dem Massenmord an den Juden von Tarnow im Mai 1942 wurde in Dabrowa ein Ghetto errichtet, das jedoch nicht lange existierte.

Josef Kohs:

„Am 24.-25. Juli 1942 wurde die 2. Aktion durchgeführt, der der größte Teil der Juden zum Opfer fiel. Mehrere Hundert Juden wurden auf den Friedhof gebracht und erschossen. Der Rest kam in die Gaskammern von Belzec. […] Die gesamte Familie ist bei der 2. Aktion entweder sofort erschossen oder zur Vergasung nach Belzec gebracht worden.“

Dort wurden Dora Kohs (40 Jahre) und ihr Sohn Michael (6 Jahre) ermordet.

Josef Kohs und sein fünfzehnjähriger Sohn Heini entgingen den Massakern und überlebten das Grauen in den Arbeitslagern Mielec und Wieliczka sowie im KZ Flossenbürg in Bayern.


Quellen/Literatur/Weblinks:
- Dr. Uta Larkey: Eine Familiengeschichte – Polnische Juden in Leipzig (unveröffentlicht)
- www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=308



William-Zipperer-Straße 13

William Zipperer

William Zipperer wurde am 27.12.1884 in Dresden geboren. Von Beruf war er Reliefgraveur, dessen Werkstatt sich in der heutigen Arthur-Hoffmann-Straße befand. Zipperer war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands – KPD und wurde auf der Gründungsversammlung am 04.01.1919 zu deren erstem Vorsitzenden gewählt. Von 1923 bis 1925 war er Redakteur der „Sächsischen Arbeiterzeitung“.

Noch vor 1933 wurde William Zipperer als »Ultralinker« aus der KPD ausgeschlossen.

Im Widerstand gegen den National¬sozialismus versuchte er gemeinsam mit dem Optiker Karl Jungbluth (1903-1945) und dem Zimmerer Arthur Hoffmann (1900-1945) als Dienstverpflichteter, die Arbeit in Rüstungsbetrieben zu sabotieren. Später schloss er sich der Widerstandsgruppe um Georg Schumann (1886-1945), Otto Engert (1895-1945) und Kurt Kresse (1904-1945) an.

William Zipperer wurde 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und am 12.01.1945 im Alter von 60 Jahren in Dresden hingerichtet.


Quellen/Literatur/Weblinks:
- Dr. Dieter Kürschner
- Leipzig-Lexikon
- www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=295