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Endersstraße 9

04177 Leipzig-Lindenau

Bildinhalt: Blumen am Stolperstein für Sally Wittelson, Foto: F. Frenzel
Blumen am Stolperstein für Sally Wittelson, Foto: F. Frenzel

In der Kaiserstraße 9 (seit 1947 = Endersstraße 9) wohnten - spätestens 1915 - Isaak Wittelson (Kaufmann, Handelsmann) und Rosa Wittelson (Geschäftsinhaberin) mit ihren Kindern Martha (geb. 1902), Nathan (geb. 1904), Sally (geb. 1907) und Helene (geb. 1910) Wittelson. Zuvor (noch 1914) wohnten sie im Nachbarhaus, Kaiserstraße 7. Sally Wittelson (geb. am 17.12.1907 in Leipzig, tot 1942 KZ Auschwitz), polnischer Staatsangehöriger, war Kürschner, dann Angestellter der "Roten Hilfe". 1934 wurde er ausgewiesen und emigrierte am 8.10.1934 aus Deutschland, war in der Tschechoslowakei, in Spanien, dann in Frankreich. Aus dem Lager Le Vernet kam er in das Lager Drancy. Am 7.9.1942 wurde er nach Auschwitz deportiert.

Am 11. Juni 2020 wurde für Sally Wittelson ein "Stolperstein" vor dem Wohnhaus Endersstraße 9 verlegt.

Unter www.stolpersteine-leipzig.de ist zu lesen:
"Sally Wittelson kam am 17. Dezember 1907 in Leipzig zur Welt. Da seine Eltern Itzig Mayer Wittelson (geb. 1866 in Łódź) und Rosa Jakubowitz (geb. 1878 in Bełchatów) aus dem ehemaligen russischen Zarenreich (später: Polen) eingewandert waren, besaß er polnische Staatsangehörigkeit. Die Eltern waren seit dem 30. August 1901 Inhaber einer Partiewarenhandlung, die sich in Lindenau in der Kaiserstr. 9 (heute Endersstraße) befand. Im ersten Stock des Gebäudes war gleichzeitig die Wohnung der Familie Wittelson. Als der Vater 1921 verstarb wurde seine Witwe, die wieder ihren Geburtsnamen annahm, alleinige Inhaberin des Ladens. Rosa zog in späterer Zeit mit den Kindern in die Hindenburgstraße 67 (heute Friedrich-Ebert-Straße) um. Sally hatte drei Geschwister: Martha (geb. 1902), Nathan (geb. 1904) und Hellene (geb. 1910). Die Kinder halfen im Laden aus. Helene war als Sekretärin auch für den jüdischen Wirtschaftsverein in Leipzig tätig. Sie emigrierte 1939 zusammen mit der Mutter nach London, wo sie 2006, zehn Jahre nach dem Tod ihres Bruders (der schon 1936 nach London ausgewandert war), verstarb. Beide hinterließen keine Nachkommen. Martha, die zweite Schwester, heiratete Willy Friedländer aus Nürnberg, mit dem sie nach New York auswanderte. Aus der ersten Ehe des Vaters hatte Sally noch eine Halbschwester Feige Wittelson (geb. 1888). Feige war Schneiderin von Beruf. Sie heiratete den Kaufmann Elias Szladkowski (geb. 1884), der wie sie aus Polen stammte. Das Ehepaar lebte in der Alexanderstr. 46. Beide wurden Opfer der Shoah. Nur ihr Kind Max (geb. 1922) überlebte und diente später unter dem Namen Max Slater in der britischen Luftwaffe.

Sally erlernte nach dem Besuch der Volksschule und der Handelsschule den Beruf des Kürschners, der damals noch Zukunft hatte, zumal in einem internationalen Zentrum der Pelzverarbeitung wie Leipzig. Er ging bei I. und J. Feldmann in die Lehre. Anschließend arbeitete er für verschiedene Kürschner in Leipzig und Berlin. 1927 zog Sally vorübergehend nach Paris, um im Pelzatelier Maison Renée seine beruflichen Erfahrungen zu vertiefen. Nach seiner Rückkehr nach Leipzig war er für kurze Zeit arbeitslos. 1930 zog Sally einen Schlussstrich unter seine bürgerliche Vergangenheit. Er wandte sich der kommunistischen Arbeiterbewegung zu, besuchte in Berlin die Marxistische Arbeiterschule (MASCH), wurde in Leipzig Mitglied der Roten Hilfe und der KPD. Schließlich war er für den Kampfbund gegen den Faschismus, eine Nachfolgeorganisation des Roten Frontkämpferbundes, die sich mit der SA im Straßenkampf auseinandersetzte, in der Bezirksleitung Sachsen bis 1932 hauptamtlich tätig. In dieser Funktion geriet er wohl ins Visier der Nazis, die ihn im April 1933 verhafteten. Nach der Haftentlassung ging Sally in den Untergrund. In Frankreich und der CSR wurde er ab Oktober von der Exil-Leitung seiner Partei als Kurier für geheime Aufträge in Deutschland eingesetzt, bis die illegale Tätigkeit der tschechoslowakischen Polizei 1936 bekannt wurde und Sally längere Zeit eine Gefängnisstrafe zu verbüßen hatte. Nach seiner Freilassung verließ Sally die CSR. In der Zwischenzeit war in Spanien ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der die Welt in Atem hielt. Im September 1937 meldete sich Sally in Frankreich als Freiwilliger bei einem Rekrutierungsbüro der Internationalen Brigaden. Er wurde Soldat der 1. Kompanie des Thälmann-Bataillons der XI. Internationalen Brigade und kämpfte an verschiedenen Frontabschnitten auf der Seite der Spanischen Republik. Als Polit-Delegierter seiner Einheit war er auch für die Verteilung der Feldpost zuständig. Die Spanische Republik konnte dem Ansturm der von Hitler unterstützten Franco-Truppen auf Dauer nicht standhalten. Im Herbst 1938 überquerte Sally die Pyrenäengrenze und bewegte sich in Frankreich als internationaler Flüchtling ohne feste Bleibe. An seiner Seite war Betty Rosenfeld aus Stuttgart, die als Krankenschwester den Internationalen Brigaden angehört hatte. Die beiden wurden ein Paar. Zusammen lebten sie unter schwierigen Umständen in Südfrankreich in der Ortschaft Millau und in dem Dorf Sévérac-le-Château. Sie gaben an, verheiratet zu sein, was in Anbetracht mangelnder standesamtlicher Nachweise nur ein Konstrukt war, um in der drohenden Internierung „unerwünscher Elemente“ durch die französischen Behörden nicht räumlich getrennt zu werden. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Nach vorübergehender Internierung im Lager Gurs kam Sally im Mai 1940 in das Lager Le Vernet am Fuße der französischen Pyrenäen, Betty in das nordöstlicher gelegene kleine Frauenlager Rieucros, später nach Brens. Von nun an hatten die beiden nur noch brieflichen Kontakt. Die räumliche Trennung hielt sie nicht von einer Verlobung ab. Sally teilte sich im Quartier C des Lagers Vernet die Baracke 48 mit anderen ehemaligen Spanienkämpfern. Er musste in der Lagerküche schuften, sehnte sich nach Betty. Die Zeit verstrich nur langsam, Tabak und Zeitungen waren rar. Ein Ausbruchsversuch zusammen mit einem sudetendeutschen Kameraden misslang. Alle Versuche, über diplomatische Vertretungen nach Übersee auszuwandern scheiterten.

Am 31. August 1942 wurde Sally aus dem Camp Vernet Richtung Paris in das Sammellager Drancy abtransportiert. Dort warteten Tausende gefangene Schicksalsgenossen auf ihre Deportation nach Auschwitz. Die Nazis hatten im Zeichen des Rassenwahns mit der Massenvernichtung begonnen und die Behörden des kollaborierenden Vichy-Regimes folgten dem Wunsch der deutschen Besatzer, Juden auszuliefern. Betty war schon drei Wochen vor Sally in Drancy angekommen. Die Lage war katastrophal und Betty rechnete nicht mit einem Wiedersehen mit Sally. Zusammen tauchen die beiden dann in einer offziellen Deportiertenliste für den Konvoi Nr. 29 als Ehepaar Sally und Betty Wittelson auf. Am Morgen des 7. September 1942 wurden sie zusammen mit 998 weiteren Opfern zusammengetrieben und in Viehwaggons gepfercht. Wahrscheinlich war die unheilvolle Fahrt mit unbekanntem Reiseziel die einzige gemeinsame Reise während ihrer Liebe. Zwei Tage später erreichte der Zug das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Unterwegs hielt der Zug in Koźle (Cosel), wo gesunde männliche Deportierte für Zwangsarbeit selektiert wurden. Hinweise, dass Sally oder Betty den Tag der Ankunft überlebt hätte, gibt es nicht."
Recherche: Michael Uhl

Quellen/Literatur/Weblinks:
- Archiv Israelitische Religionsgemeinde Leipzig [...]
- Staatsarchiv Leipzig [...]
- Bundesarchiv Berlin [...]
- Verschiedene Archives Départementales, Frankreich, [...]
- Mémorial de la Shoah Paris [...]
- Russisches Staatsarchiv für Politik- und Sozialgeschichte Moskau [...]
- Centro Documental de la Memoria Histórica Salamanca [...]
- Leipziger jüdisches Jahr- und Adressbuch 1933. Mit einem Vorwort von Rolf Kralowitz. Reprint der Ausgabe Leipzig 1933. Berlin: arani-Verlag, 1994, 90 S., ISBN 3-7605-8663-5
- Leipziger Adreßbücher 1913, 1914, 1915, 1916, 1917, 1920, 1933, 1936
- www.stolpersteine-leipzig.de
- Jüdisches Leben in Lindenau
- Stolpersteine in Lindenau
> "Stolpersteine" für Laura und Leon Kohs vor dem Haus Endersstraße 3 (bis 1947 = Kaiserstraße 3)

Bildinhalt: Nur 100 Meter entfernt von hier, vor dem Haus Endersstraße 3 (bis 1947 Kaiserstraße 3) liegen
Nur 100 Meter entfernt von hier, vor dem Haus Endersstraße 3 (bis 1947 Kaiserstraße 3) liegen "Stolpersteine" für Laura und Leon Kohs. Sie wurden im Rahmen der sogenannten "Polenaktion" gegen jüdische Einwohner am 28.10.1938 nach Polen abgeschoben. Nach der militärischen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg wurden Laura und Leon Kohs dort ermordet. Am 11. Juni 2020 um 14:00 Uhr soll für Sally Wittelson ein "Stolperstein" vor dem Wohnhaus Endersstraße 9 verlegt werden.
 


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