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Lindenauer Häuserliste

Dreilindenstraße 17

04177 Leipzig-Lindenau

1943
Bäckermeister Herbert Weile, Leipzig W 33, Dreilindenstraße 17 pt.


Aus einem Zeitzeugen-Bericht von Herrn Norbert Br.:
Das Haus Dreilindenstraße 17

Das Haus bestand aus einem dreistöckigen Vorderhaus und unserm Hinterhaus (einstöckig) mit Flachdach. Im Krieg wurde das Haus durch Bombentreffer schwer zerstört und war nach dem Wiederaufbau fast ein Neubau. Bei Dachreparaturen auf dem Flachdach unseres Hauses konnte ich noch Patronenhülsen - wahrscheinlich aus den Bordgeschützen der Flieger - finden

Der Hof war hinten und seitlich von angrenzenden Rückwänden der nächsten Häuser begrenzt - nur zur Nr. 15 gab es einen Zaun - und es wuchs eine Esche im Hof. Das Grundstück hatte noch eine mit großer Metallplatte abgedeckte Aschegrube, die aber nicht mehr genutzt wurde. Das Vorderhaus beherbergte die Bäckerei Musiolek - also vorn die Bäckerei unter unserer Wohnung, im Seitengebäude die Backstube. Herr Musiolek heiratete dann Frau Brinkmann, die Besitzerin des Hotels "Zur Linde" in unserer Straße, und übernahm später eine Bäckerei in der Georg-Schwarz-Straße. Aus der Bäckerei wurde ein Textillager für Stoffe. Herr Musiolek war aus Schlesien vertrieben worden und gemeinsam mit meinem Vater in der Kriegsgefangenschaft in England.

Natürlich hatten wir in unserem Seitengebäude - wie in jedem Mietshaus - ein Waschhaus. Am Waschtag, meist der Samstag, gab es immer einfaches Essen (Kartoffelsuppe oder Kartoffeln mit Quark), da die Frauen da keine Zeit zum Kochen hatten. In der Ecke das Waschhauses stand der Waschkessel. Der wurde mit Kohle befeuert und darin wurde die Wäsche gekocht. Danach wurde sie über dem Waschbrett gerubbelt und gespült und mit der Wringmaschine augewrungen - eine Wahnsinnsarbeit. Wir waren dann ziemlich die ersten mit einer Waschmaschine: eine Perex aus Tschechien inklusive Schleuder - ein riesengroßer Fortschritt.

Nach dem Waschen wurde die Zinkbadewanne hervorgeholt und die Familie konnte Baden. [...] Nach dem Wäschewaschen ging es mit dem Rollfix, einem Handwagen, zur "Rolle". Dort in der Kuhturmstraße, in der Schlippe, stand die mächtige "Rolle" aus Holz und Eisen - ein Ungetüm, das mir als Kind Angst machte. Die Wäsche wurde auf großen Holzrollen in Rolltücher gewickelt und danach durch die Maschine, die einen großen Druck (Gewicht durch Wackersteine im Rollkasten) ausübte, hin und her gerollt. Das Gerät - riesengroß - machte unheimliche Geräusche, es ächzte und knarrte gar gruselig.

Auf dem Hof waren wir immer so 8 Kinder, die gemeinsam spielten und immer schaute irgendeine der Mütter am Fenster und passte auf, dass es nicht ausartete. Wir spielten "Meister gib uns Arbeit auf!" oder "Fischer, wie hoch steht das Wasser?" oder auch Federball und Himmel-und-Hölle-Hopse.

Nebenbei: Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, mit den Kindern des Nebenhofes zu spielen - das war völlig tabu und undenkbar.

Jede Wohnung hatte noch die Toilette auf der halben Treppe; Badezimmer gab es nicht. Vor jeden zum Hof zeigenden Küchenfenster war ein großes Brett mit Umrandung angebracht, zumindest in der kühlen Jahreszeit konnte man so die Lebensmittel frisch halten. Kühlschränke kamen erst in den 60er Jahren massenhaft in Gebrauch. Einige Mieter in unserem Haus hatten noch Eisschränke: mehrmals in der Woche kam der Eismann mit dem Pferdefuhrwerk. Er brachte lange Stangen Roheis, mit dem in den Isolierschränken gekühlt wurde. Man kaufte einen viertel Block und der Eismann nahm einen Pickel und teilte den Eisblock. Danach schleppte er ihn in die Wohnung. Er trug stets eine Lederschürze und einen Schulterschutz aus dickem braunen Leder.

Zur Weihnachtszeit hingen an den Fenstern die Festtagsbraten: oft ein Hase. Ein eigenartiges Bild, all die toten Tiere neben den Küchenfenstern hängen zu sehen.

Etwas Besonderes war der schwere Geruch nach Eykalyptus, der an manchen Tagen sehr dominant, ja fast greifbar war. Ursache dafür war die Firma Krügerol in der Luppenstraße. Hier wurden die bekannten Hustenbonbons hergestellt.

Der zweite Geruch wehte vom nahen Auenwald herüber – der süßlich schwere Bärlauchgeruch lag in der Luft – das war der Frühling. Und die spitzen Schreie der Mauersegler - das war der Sommer.

Quellen/Literatur/Weblinks:
- Zeitzeugen-Bericht von Herrn Norbert Br. (leicht gekürzt)
- Leipziger Adressbuch 1900, 1949
- Adreßbuch der Reichsmessestadt Leipzig mit Markkleeberg, Böhlitz-Ehrenberg, Engelsdorf, Mölkau, 1943
- Sammlung Lindenauer Stadtteilverein e. V.


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